WEG UND ZIEL

Ich bin begeistert. Lange gaben in meiner Wahrnehmung die kommenden Generationen politisch ein eher desinteressiertes Bild ab. Das wandelt sich seit einigen Jahren: Umwelt, Extremismus, Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit, Zuwanderung und einige Themen mehr werden jünger – und lauter. Die Entwicklung erinnert an Musik mit deutschen Texten. Vor 15 Jahren wurde der Konsum mit „Schlager, Volksmusik, was ´ne Scheiße …“ diskriminiert. Obwohl es die meistverkauften Genres waren. Inzwischen ist mit den Forsters, Oerdings, Revolverhelden und vielen Künstlern mehr deutscher Pop und Rock flächendeckend Kultur, wenn nicht gar Kult geworden. [Tipp der Red.: Jeden Tag Silvester, großartige Band] Ich schweife ab. Über den mit genannten Themen verbunden Aktionismus – nicht nur von jungen Leuten – würde ich nicht schreiben, beschäftigten mich nicht auch Fragen oder Kritik. Natürlich dürfen und müssen in einer Demokratie Aktionen auf Missstände öffentlich hinweisen oder für Zukunftsperspektiven werben. Aber wie? Der Übergang von Aktionismus zu Radikalismus ist gefährlich fließend. Wenn fragwürdige Vorstöße obendrein keine realistischen [!] Alternativen im Gepäck haben, sind sie dann seriös, glaubhaft, konstruktiv – nötig? Bringt es die Menschheit weiter, wenn sich empörte Hobbyökologen rechtswidrig auf fremden Bäumen einnisten? Ist das Ketten an Gleise zur Verhinderung von Fahrzeugauslieferungen ein Beitrag zum Erhalt unserer existenziellen Infrastruktur? Werden der jährliche linke Aufstand rund um die Rote Flora in Hamburg und verletzte Polizisten unser Land verbessern? Sind utopische Arbeitskampf-Forderungen zielführend und den, die Forderungen übersteigenden, Schaden wert? Mir unverständlich ist übrigens auch der enorme Zeitaufwand, den manche Protestierende selbst an Werktagen einbringen. Wäre bilden, arbeiten, diskutieren und entwickeln von Lösungen nicht klüger, so wichtig und dringlich das Thema doch ist? Oder mindestens „Flyer in der Fuzo verteilen“ und sich politisch engagieren, wo doch die gewählte Riege vermeintlich nicht funktioniert? Was ich in diesem Zusammenhang ganz aktuell gern wüsste: So fundamental das Thema Klima ist und die aktuelle Präsenz verdient hat – würden am Freitagnachmittag ebenso viele und dieselben Schüler die Fridays for Future bespielen wie vormittags? Ich bin unsicher. Übrigens auch hinsichtlich der Schiffspassage von Greta Thunberg. Wie realistisch und tauglich für Jedermann ist die klimaneutrale Überwindung großer Strecken per Segler, einer Millionen-Yacht mit Personal? Nicht zu vergessen die benötigte Zeit. Eine gute Ökobilanz – von Bau bis Entsorgung – des vermutlich aus glasfaserverstärktem Kunststoff bestehenden Hightech-Flitzers kann ich nicht beurteilen, aber bezweifeln. Ob Gretas Botschaft mit all dem vereinbar ist? Wie kommt sie eigentlich zurück, auch der Skipper, die neue Crew hin, die Presse hin und her? Flug-Ausgleichszahlungen – falls sie überhaupt fließen – bleiben doch eine Placebo-Therapie gegen schlechtes Gewissen. Nicht falsch verstehen, vor Greta und ihrer generellen Initiative ziehe ich weiterhin den Hut. Vor ihren kurzsichtigen PR-Beratern nicht. Ich resümiere: 1. Der Weg ist das Ziel? Nein. Es führen viele Wege zum Ziel. Neben sinnvollen leider auch absurde. 2. Selbst wenn Protest gerechtfertigt ist, die oft verlangte Abhilfe von jetzt auf gleich ist in einer derart komplexen Gesellschaft kaum machbar. Die Ausnahmesituation rund um das Wörtchen „unverzüglich“ wird meine Argumentation nicht kippen. 3. Wer ernsthaft einen Wandel fordert, sollte vernünftige wie nachhaltige Maßnahmen anschubsen oder daran mitarbeiten. Laut hupen, ob auf der Straße oder auf Twitter, wird die Welt nicht verändern. Nur verunsichern. Meine Meinung.