Typisch deutsch

Das vergangene Wochenende war wie gewöhnlich das Ende einer Woche – und das Ende meiner Wochenendstimmung. Der Schreibtisch rief. Wie deutsch ist es, sein gesamtes Privatleben im ersten Quartal eines neuen Jahres einmal auf links zu drehen? Warum muss direkt nach der Weihnachtspost-Flut bewiesen werden, wie viele Sendungen wirklich in einem Briefkasten Platz finden? Alle Versicherungen senden Nachträge und ihren Wunsch nach mehr Geld. Immer. Wichtige Korrespondenz und Kontoauszüge sind vorschriftsmäßig zu archivieren, Nachweise und Leistungsanträge neu einzureichen. Jedes flüchtige Gut rund um Leben und Zuhause möchte dokumentiert und für die Anbieter vorteilhaft neu berechnet werden. Strom, Gas, Wasser, Abwasser, Regenwasser, Telefon, Handy, Internet, GEZ, Müll, Straßenreinigung, Winterdienst, Treppenreinigung, Grundsteuer … bestimmt habe ich Einiges vergessen. Luft zum Atmen wird gottlob anhand eines turnusmäßigen Lungenvolumentests noch nicht beitragspflichtig eingestuft. Die Drähte zu der Dauerauftragänderungsfunktion glühen. Hoffentlich erinnere ich mich daran, an wie vielen verschiedenen – ja, durchaus sinnvollen – Orten sich Unterlagen für die Steuererklärung finden. Natürlich, alles soll seine Ordnung haben, in eigenem Interesse. Aber muss das jedes Jahr und mit Tonnen an Formularen und neuen, kleinstgedruckten AGB-Papierstapeln verbunden sein, die nie ein Mensch liest? Und wenn, nicht versteht? Sollte das „typisch deutsch“ sein, stellen sich einige Fragen: Ist das gut oder schlecht? Sorgfältig oder kleinkariert? Anzuerkennen oder zu belächeln? Ich bin unsicher. Sicher bin ich jedoch mit der Ansicht, dass all diese Prozesse kürzer, transparenter, einfacher, verständlicher, ehrlicher – und in einer Zeit, in der Aktiengeschäfte per Smartwatch eingetütet werden, schon lange digitaler sein müssten. Checken, klick, danke, bis nächstes Jahr. Wenn das das neue „typisch deutsch“ wird, gehöre ich gern dazu. Meine Meinung.