Tot ist tot

Der Bundesgerichtshof hob das Mordurteil gegen die Berliner Raser auf. Sie lieferten sich mit bis zu 170 km/h ein Rennen durch die Innenstadt. Über elf Kreuzungen, überwiegend bei roten Ampeln – und töteten dabei einen Unbeteiligten. Natürlich, Gerichte haben nach Recht und Gesetz zu entscheiden. Tat dies die erste Instanz, das Landgericht, nicht? Wie sind bei juristisch (möglichst) objektiver Beurteilung so gegensätzliche Auffassungen möglich? Anderes Thema. In diesem Fall geht es darum: Was ist Vorsatz? Damit verbunden, was ist Fahrlässigkeit? Dem BGH folgend ist ein Todesfall durch den fallenden Mauerstein eines unachtsamen Handwerkers dem eines bewusst im Renntempo durch die City fahrenden Autos gleichgesetzt: fahrlässige Tötung. Wie erklärt man das den Menschen? Wie erklärt man das den Hinterbliebenen, die wenige Jahre später den Täter wieder mit einem Auto durch die Stadt fahren sehen? Vielleicht sollte die Rechtsprechung (!) einmal mehr – neben der Beurteilung von Delikten als solches – in Hinsicht auf die Folgen betrachtet werden. Es müssten sich drastische Änderungen ergeben. Warum? Der Steuerhinterzieher erhält bis zu zehn Jahren Knast, der Vergewaltiger oder Kinderschänder oft nur zwei bis vier. Hinterläßt aber lebenslang traumatisierte Opfer. Die von einem Rückläufer essende Küchenhilfe verliert wegen Diebstahls mindestens den Job, der Manager bekommt für den zwielichtigen Beinahe-Ruin eines Unternehmen mit haufenweise Mitarbeitern eine feine Abfindung. Juristen mögen mir die verallgemeinernden Beispiele verzeihen, aber wir wissen alle, was gemeint ist. Ein Randalierer schlägt mit seinem Baseballschläger einen Passanten tot, ein übermotorisierter Schwachkopf benutzt ein Fahrzeug hemmungslos als Waffe. Mit gleichem Ergebnis. Wo ist der Unterschied? Die Praxis beweist: Tot ist tot. Aus Versehen – ausgeschlossen. Meine Meinung.