Rolltreppen-Syndrom

Meine Kindheit ist schon einige Tage her. Trotzdem erinnere ich den Teil meiner Erziehung gut, der mir für die Nutzung von Rolltreppen die Regel „rechts stehen, links gehen“ mit auf den Weg gab. Das war klug und reimte sich sogar. Heute ist die Regel scheinbar so aktuell wie ein Telefon mit Wählscheibe. Links und rechts – gern auch mittig – ausladend draufstellen, warten, unbeteiligt gucken, runter- und hoffentlich weitergehen. Herrenmode in der 3. Etage. Langweilig! Womit lässt sich das Rolltreppen-Syndrom erklären? Ablenkung, Abwesenheit, Ignoranz, Unwissenheit, Faulheit, Frechheit, Unverständnis? Mal so mal so mutmaße ich als überzeugter Treppengeher. Womit wir bei der Gehen-oder-stehen-Frage sind, die sich meist vor der Links-oder-rechts-Frage stellt. Was veranlasst einen Rolltreppen-User (ältere oder behinderte Menschen natürlich ausgenommen), auf einem sich selbst bewegenden Weg, der das Vorankommen erleichtern und beschleunigen soll, zu stehen? Es heißt doch Treppe. In keinem Treppenhaus sehe ich Menschen rumstehen. Außer zum Rauchen. Sogar auf Flughäfen lässt sich der klassische Reisende – soeben dem Sitz entronnen  – von zu platten Bändern zweckentfremdeten Rolltreppen chauffieren. Ich gehe entspannt nebenher, bin schneller – und fitter. Eine gewisse Genugtuung mag ich dabei nicht bestreiten. Nun gut, dass viele Menschen ihren Weg unbewegt meistern ist ok. Die Reaktionen darauf, wenn jemand vorbei möchte, oft nicht. „Tschuldigung“, „dürfte ich mal …“, „äh, sorry“ – egal wie formuliert und wie freundlich dieser Wunsch vorgetragen wird, ein unverständiges bis genervtes Gesicht ist einem meist sicher. Meine bisherigen Testreihen sind vielfältig: Schnell auf die Vorausstehenden zugehen, um Eile vorzutäuschen. Laut gehen, um psychischen Druck auszuüben. Dicht aufschließen (der Profi ohne Deo), was als unangenehm empfunden wird. Räuspern, pfeifen oder eben sprechen. Das Ergebnis meiner Studien: Den Königsweg habe ich leider nicht entdeckt. Ich hoffe jedoch, dass sich der Königsweg nicht als Rolltreppe herausstellt. Den Jüngsten unserer Spezies ist das Rolltreppen-Syndrom vermutlich nicht vorzuwerfen. Die anfangs erwähnte Regel wurde ihnen vermutlich nie beigebracht. Auf die Frage, warum ich auf Rolltreppen gehe oder Treppen benutze, selbst wenn sich ein Fahrstuhl anbietet, erwidere ich „Ist gut für den Hintern.“ Meist ist dann Ruhe. Merkwürdig.