HABEN VS BRAUCHEN

Das Konzept „Haben ist besser als brauchen“ hat sich nahezu unbemerkt in unsere Mentalität eingeschlichen. Die Sinnhaftigkeit wäre zu überprüfen. Erst gestern stand ich im Baumarkt vor einem innovativen Schlüsselanhänger. Sehr schick, mit einem kleinen Schraubendreher, gewellter Klinge, Flaschenöffner und Dorn. Das alles für nur 7,49 Euro. Ein Leathermann für Anfänger, ein absoluter Schnapper. Ich mag so etwas und werde ihn sicher eines Tages zwingend benötigen. Haben wollen! Gut, meiner ersten Wahl Wasser und Wein ist mit dem Flaschenöffner nicht beizukommen, für den Taschen-Dorn suche ich noch Ideen, ein Schraubendreher hat immer (!) die falsche Größe – aber die Klinge ist für das Durchtrennen der Packbandkordel von sehnlichst erwarteten Shopping-Paketen unschlagbar. Würde Packbandkordel noch benutzt. Was ist schon perfekt. Ganz sicher das dritte Paar weiße Sneaker. Das erste und zweite Paar dürften recht schnell schmutzig sein, und dann? Das dritte wird natürlich niemals getragen, es könnte ja schmutzig werden und dann gäbe es kein sauberes Paar mehr, wenn das erste und zweite schmutzig sind. Habe ich mir eben selbst zuhört? Die Entscheidung für die Familienflasche Senf ist in jedem Fall zu rechtfertigen, hier kann Otto Normalverbraucher noch richtig sparen. Zugegeben, viel Senf geht bei zwei Personen, die Ofenpommes und selbstgemachte Frikadellen eher mit Ketchup veredeln, nicht durch. Mit dem Überschreiten der Mindesthaltbarkeit könnte über Bedarf versus Ersparnis nachgedacht werden. Drauf gepfiffen, es würde das Spiegelbild eines kostenbewussten Haushaltsvorstands vernichten. Nun könnte ich von überdimensionalen Kraftstoffkanistern für Fahrten durch die endlosen deutschen Steppen berichten, Toilettenpapier-Vorräten für ein Jahr Familien-Diarrhoe, einem Klappstuhl für den Kofferraum, dem Traum eines jeden Anglers, der Großpackung Kerzen, sollte Weihnachten überraschenderweise länger dauern. Alles sehr unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie! Ich will nicht böse sein. Es gibt durchaus vermeintliche Fehlkäufe, die sich als klug und vorausschauend herausstellen. Also – haben ist besser als brauchen? Mal glaubwürdig, mal merkwürdig.