Gute alte Zeit

Nein, ich gehöre nicht zu dem ständig  jammernden Teil der Deutschen – deren Anteil gefühlt nicht abnehmen will – oder den Verfechtern der stets aktuellen Theorie „Früher war alles besser!“. Obwohl ich an Lebensjahren durchaus Potenzial dafür nachweisen könnte. Trotzdem, manchmal komme auch ich um rückwärts betrachtetes Glück nicht herum. Heute zum Beispiel. Mein Auto musste in die Inspektion, die pure Angst vor Garantieverlust. In gediegener Atmosphäre komme ich mit einer viertel Stunde Wartezeit aus, jedem zweiten Kunden wird sogar Kaffee angeboten. Dem vor und dem nach mir. Schließlich sitze ich am Schreibtisch des Serviceberaters. Die Standards und meine Anliegen sollen nach zwei Neustarts in Softwaremasken verewigt werden. Zeit genug für Erinnernungen. Ein Werkstattmeister [!] kommt auf mich zu, er kennt mich und mein Fahrzeug. Selbst das persönliche Befinden gehört zum Repertoire an gegenseitigen Erkundigungen. Sein dezent öliges Outfit und seine Fingernägel dokumentieren eigenhändige Eingriffe in die Tiefen der Automobiltechnologie. Wir sitzen auch hier an einem Schreibtisch mit Computer – aber er spricht mit mir. Was mich drückt, was er prüfen und tun kann, was es kosten könnte, „lassen Sie uns zusammen mal gucken“. Nicht zu exotische Ersatzteile sind natürlich vorrätig, neuer Termin nicht nötig. Der Schrauber meines Vertrauens [respektvoll gemeint] gibt mir mein Schätzchen auch zurück, hat es zuvor probegefahren – und spricht erneut mit mir. Ausführlich und verständlich für einen User. Zurück bei meinem wohlgekleideten und handgepflegten Serviceberater. Die überwiegend wortlose wie erfolglose Recherche nach vorformulierten Mängelbeschreibungen und -nummern, die meinen Sorgen wenigstens ansatzweise entsprechen, nähert sich dem Ende. Mein Sitz „knackt sich nahezu jeden Tag auf Gürtelhöhe rechts einmal ein, komplett oder Lehne, was sich aber leider nicht vorführen lässt“. Ganz einfach, oder? Ich hoffe, die aus Verzweifelung handschriftlich verfasste Notiz auf dem Ausdruck findet das Verständnis des auserwählten Mechatronikers. „Zum Abholen bitte direkt an die Kasse.“ Ich darf gehen. Vermutlich kennt jeder das Warten auf die Diagnose nach einem unangenehmen Arztbesuch. Don’t call us, we’ll call you. Oder nicht. Irgendwie fühle ich mich heute ähnlich – merkwürdig.