Endlich Zeit

Ich bin so froh. Die Kompromisse in der Ganggenauigkeit einer Uhr waren mir bekannt. Aber sie in 100 Millionen Jahren eine ganze Sekunde nachstellen zu müssen, ist schockierend. Geht mein Kalender überhaupt so weit? Egal, nun gibt es ja die neue Kernuhr. Bisher kannte ich nur Kernobst, Kernkompetenz und Kernschmelze. Mit Letzterem hat diese Uhr hoffentlich nichts gemein. Durch die nun ganz genaue Zeit gilt die verbesserte Treffsicherheit von GPS-Navigationsgeräten als revolutionärer Fortschritt. Vorbei die unbeabsichtigte Einkehr in Parkhäuser, weil mich eine freundliche Stimme zu früh rechts abbiegen ließ. Vorbei die vielen verlorenen Zentimeter und Sekunden, die mich die bislang unvollkommene Technik kostete. Vorbei aber auch die unwiderlegbaren Ausreden, die das verspätete Erscheinen bei Mama zu Kaffee und Keks erklärten. Dass diese lang ersehnte Präzision möglich wurde, ist nicht etwa die Tat eines einzelnen Trilliardstelsekunden-Nerds, sondern die einer Vielzahl wissenschaftlicher Teams. Zu vermuten ist, dass stattliche Budgets in diese Technologie flossen. Nur ein bitterer Beigeschmack, wenn am selben Tag darüber berichtet wird, dass regionale Notaufnahmen u. a. aufgrund von unzureichender Medizintechnik schließen sollen. Hoffen wir gemeinsam, dass die bahnbrechenden Erkenntnisse, über die ich mich – vermutlich zu Unrecht – gerade lustig mache, der Menschheit über das Geschilderte hinaus nachhaltigen Nutzen bringen. Und man uns beizeiten – die korrekte Zeit haben wir ja nun – mit wirklich wichtigen Benefits beglückt. „Endlich Zeit“ ziehe ich an dieser Stelle zurück. Ist sie nicht vielmehr unendlich, jetzt sogar richtig unendlich? Meine Meinung.