Einfalt auf zwei Rädern

Das Fahrrad ist ein tolles Fortbewegungsmittel. Praktisch, gesund, mitunter gesellig und für manche ein lebenslanges Hobby. Auch ich habe ein Fahrrad, relativ neu sogar. Gut, ich bin ein Schönwetterfahrer – und ein Schisser [ugs. für Helmträger]. Im Straßenverkehr bevorzuge ich einen zurückhaltenden und vorausschauenden Fahrstil. Warum? Jeden Tag bewege ich mich mit dem Auto zwei bis drei Stunden im Großstadt-Chaos und lerne. Zwei Faktoren sind für die wesentlichen Verstimmungen in diesem Chaos zuständig: Baustellen und … Radfahrer! Nicht alle, aber unfassbar viele. Erst dann folgen Idioten im Auto, Blinken-reicht-zum-Rausfahren-Busfahrer und Aufmärsche gegen Rechts, Links oder beide. Fahren Biker auf dem Radweg, haben unaufmerksame Zwei- bis Vierbeiner darauf nichts zu lachen. Auch per pedes auf dem Fußweg sollte man sich auf radelnde Rücksichtnahme nicht verlassen. Bleibt die Straße. Rote Ampeln dienen kaum mehr als unverbindliche Empfehlung, die bevorzugte Radroute führt rechts an PKWs vorbei, links vorbei, quer davor rüber – bekannt auch als Vespa-Schwarm in Rom oder Hanoi. Der Zweiradprofi wechselt seine Position gern spontan, wie es gerade schneller geht. Der ihn umgebende Verkehr – passt schon. Stimmt leider selten. Beliebt ist auch die Disziplin „Autos aufhalten“. Täglich schleiche ich hinter Radlern her. Soweit ok. Bei sicherer Gelegenheit – meist dauert das eine Weile – überhole ich und fahre Stadttempo. Bis zum nächsten Stopp. Die Radfahrer quälen sich zwischen Bordstein und Außenspiegel zurück auf die Poleposition. Das Spielchen beginnt von vorn. Immer wieder. Immer wieder. Warum? Besser noch, warum tun oder dürfen die das? Auch Zebrastreifen scheinen zu den großen Missverständnissen des öffentlichen Miteinanders zu gehören. Die Rechtsprechung sagt „Radfahrer haben auf dem Zebrastreifen nur Vorrang, wenn sie absteigen und das Fahrrad schieben. Dann gelten sie als Fußgänger und haben entsprechende Rechte“ (Quelle: ADAC). Nahezu alle Biker wissen das nicht oder erzwingen den Vorrang. Nahezu alle Autofahrer wissen das auch nicht oder folgen dem Zwang aus Angst. Hupen Sie mal einen dieser Radfahrer an. Sie werden vernichtende Gesichtsausdrücke und Gesten sehen, für die eine Schauspielschule sehr viel Geld nimmt. Wenn etwas passiert, gilt zunächst der Grundsatz „böse, böse Autofahrer“. Natürlich räume ich ein, dass sich viele und leider sehr schlimme Unfälle tatsächlich so abspielen. Trotzdem, liebe Radfahrer: Kein Mensch hat einen dauerhaften 360º-Blick, Sonar oder eine instinktive Witterung für Gesattelte. Und jeder Mensch macht Fehler, die häufig für den Bevorrechtigten jedoch erkennbar und vermeidbar sind. Was ich von Radfahrern erwarte? Ganz einfach, nur ein (Fahr-) Verhalten, das von allen Verkehrsbeteiligten erwartet wird: gemäß Straßenverkehrsordnung, defensiv, kooperativ, einschätzbar, vorausschauend, undeutsch tolerant und vielleicht sogar mal Fehler verzeihend. Und, liebe Eltern, das alles darf gern frühzeitig an unsere Kinder weitergegeben werden. So, nun hole ich mein Fahrrad aus dem Schuppen und drehe eine Runde. Genau so, wie ich gerade plädiert habe. Die erfreuten und wertschätzenden Blicke der Autofahrer entlohnen mich dafür. Dass ich mich über so etwas freuen kann – schon merkwürdig.

[Fußnote: Rein stilistisch motiviert habe ich meist die männliche Form benutzt, beschimpfe aber weibliche und männliche Radfahrer durchweg gleichermaßen.]