Den Druck erhöhen

Immer, wenn ich diese Worte höre (also ständig), überkommt mich ein Gefühl, dessen Nennung die mir eigene verbale Contenance nicht zulässt. Zumindest im Zusammenhang mit Streik. Gerade in Bereichen der Infrastruktur, die branchenübergreifend die Grundlage für unseren Alltag, das Leben und die Wirtschaft sind. Mit den Auswirkungen haben die Beteiligten meist nicht ansatzweise so viel zu tun, wie das ausbadende Volk. Ich zum Beispiel. Die Flieger bleiben unten – Arbeitsweg, Geschäfte und Urlaub bleiben aus. Die Bahn steht – gleiches Ergebnis, für noch mehr Menschen. Die Kitas sind zu – die Eltern machtlos, deren Arbeitgeber angeschmiert. Behörden bleiben verschlossen – mir die Definition von „Staat“. Krankenhäuser – ich lasse es. Kosten: zwei- oder dreistellige Millionen, Nerven noch mehr, meist auf den Schultern aller.
Um das gleich richtigzustellen: Ich bin ein sozial eingestellter Mensch und selbstverständlich der Meinung, dass es verantwortungs- und wirkungsvolle Arbeitnehmerrechte geben muss! Aber bis heute habe ich die gesetzliche Grundlage nicht verstanden: Das Streikrecht beginnt im Grundgesetz. Weit davor in diesem Werk steht jedoch „… soweit die Rechte anderer nicht verletzt werden …“ (Art. 2). Wie geht das zusammen, ähnlich auch mit anderen Grundrechten? Ich behaupte: wenig bis gar nicht. Auch strafrechtlich sehe ich Disharmonien. Wer anderen Schaden zufügt (insbesondere vorsätzlich), muss diesen regulieren und mit einer Bestrafung rechnen. Dazu gehört auch die 150 Phon absondernde Trillerpfeife neben meinem, anschließend Tinnitus geplagten Ohr. Erpressung und Nötigung sind ebenfalls Straftatbestände und manchem Aufruf von Streikführern nicht fern.
Unverständlich ist mir auch dieses: Warum sind wir (wer eigentlich genau?) so unfassbar unkreativ, wenn es um Verhandlungen und die Durchsetzung von Forderungen geht? Fairen Verhandlungen natürlich. Gibt es wirklich keine Maßnahmen, Kommunikationsformen, Strategien, pfiffige Ideen, übergeordnete Instanzen oder Mentoren, die den Krach wenigstens in die eigenen vier Wänden verbannen? Oder außergewöhnliche Aktionen, die öffentliche Meinung, aber keinen öffentlichen Schaden verursachen? Deutschland mag nachdenken.
Ich fasse zusammen: Der Übergang von Arbeitskampf in Anarchie ist mitunter fließend. Da fangen sogar Gewerkschaften eitel an, sich gegenseitig zu bekämpfen, statt sich um die Interessen ihrer Mitglieder zu kümmern. Warum fällt mir in diesem Moment die Bahnbremse Weselsky ein? Ich bringe ihn lieber in keinen Zusammenhang, sonst droht noch Ärger. Oder gar Streik! Den Druck erhöhen kann er jedenfalls, das ist sicher. Und da wäre es wieder, mein Gefühl. Sehr merkwürdig alles. Und wenig sozial.