Das lese ich doch nicht

In meinem Alter von „Digital Native“ zu sprechen, wäre ziemlich albern. Trotzdem, ich glaube, ich bin ganz gut im Rennen. Die Arbeit in den Medien, mit Video, Audio und Musik, einer Armada von Macs, iBooks, iPhones, iPads, iPods (etwas vergessen?), Apps, Social Media und Clouds um mich herum spricht doch wirklich für einen fortgeschrittenen digitalen Status. Worin ich mich (noch) deutlich von den sogenannten Natives unterscheide, dabei übrigens hervorragend Nacken und Daumen schone, ist diese vehemente Ausschließlichkeit, mit der die Digitalisierung bitteschön durchzuziehen ist. In der Kommunikation, im Konsumverhalten, im gesellschaftlichen Miteinander, in allem. Manche Aufgaben, die „analog“ vielleicht schneller, besser, erfolgreicher, effizienter oder einfach mit deutlich mehr Spaß zu absolvieren wären, sind aus Prinzip bähbäh. Schlüssig erklären konnte mir das bisher leider niemand. Ich glaube, darüber denke ich noch einmal nach und schreibe später. Was ich eigentlich loswerden wollte: Digitalisierte Menschen haben höchstpersönlich die Kommunikationswege in eine Richtung gelenkt, in der häufig und viel – gern auch unnütz – geschrieben wird. Per E-Mail, WhatsApp, Facebook, Twitter und jede Menge Plattformen mehr. Als Ungerntelefonierer begrüße und nutze ich das mit Freuden, zumal gerade im Business eine schriftliche Nachricht irgendwie nachhaltiger ist. Was passiert: Meist erhalte ich eine Antwort, die gerade einmal die ersten zwei meiner – wirklich nicht vielen! – Zeilen behandelt. Auf die Nachfrage, wie es mit den weiteren, nicht minder wichtigen Punkten aussieht, höre ich mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt: „Das lese ich doch nicht alles, vielleicht kurz überfliegen.“ Warum schreibe ich? Könnte es vielleicht wichtig sein? Hat sich Aufmerksamkeit aus dem Kreis der Tugenden verabschiedet? Wie hat unsere technologische Elite das von Büchern gepflasterte Studium geschafft? Merkwürdig. Auch für diese Entwicklung und das paradoxe Verhalten habe ich also noch keine Erklärung gefunden. Ich suche weiter, berichte und nähere mich den Digital Natives schleichend an. Ganz lieben Dank den Lesern dieser letzten Zeilen. Sie scheinen nicht in das gerade beschriebene Klientel zu gehören. Ich freue mich!