Danke gut. Und selbst?

„Wie gehts?“ „Danke, gut. Und selbst?“ „Danke, gut.“ Das ist wohl der am häufigsten geführte und überflüssigste Dialog ever. Weltweit, in vielen Sprachen. Und zugleich der verlogenste: (1) „Wie gehts?“ mag bedeuten, mich interessiert dein Befinden. Meist tut es das nicht, die Floskel hat sich schlicht evolutionär als höflich und unverbindlicher Gesprächseinstieg etabliert. Im Subtext finden wir: Behalte deine Wehwehchen und Sorgen unbedingt für dich. (2) „Danke, gut.“ stimmt vielleicht, ist aber unwahrscheinlich. Guter Job, genug Geld, toller Partner, artige Kinder, keine üblen Probleme und eine Gesundheit wie ein achtzehnjähriges Vorzeigemodel für Medizinstudierende. Auf wen genau trifft das alles zu? (3) „Und selbst?“ lässt sich wie (1) deuten, vielleicht sogar noch ein wenig bösartiger. Hätte der den Dialog Beginnende nicht gefragt, gäbe es die (vermeintlich) interessenbekundende Retoure vermutlich gar nicht.  Auch (4) „Danke, gut!“ 2.0 machen meine Interpretation dieser gepflegten Konversation nicht besser: Ich mag nicht darüber sprechen. Das geht dich einen Dreck an. Du willst es doch gar nicht wissen. Um nur einige Gedanken zu nennen. Manch mittelmäßig kluger wie beeindruckend hinterhältiger Smalltalker nutzt das Konzept für seine Zwecke schamlos aus. Er erkundigt sich (natürlich desinteressiert) nach dem gegnerischen Befinden, um die unvermeidliche Erwiderung zu provozieren! Schließlich muss seine Leidensgeschichte unbedingt jetzt ausführlich dargelegt und diskutiert werden. Eine Art Fishing for Compliments oder treffender Fishing for Mitleid. Das Mitleid gebührt in diesem Fall allerdings eindeutig dem Zwangszuhörer für seine Zeit und die blutenden Ohren. Schauen wir uns die möglichen Konstruktionen aus Ehrlichkeit und Lügerei wissenschaftlich an. (1) gelogen, (2) ehrlich, (3) gelogen, (4) gelogen. Oder (1) gelogen, (2) gelogen, (3) ehrlich, (4) auch ehrlich. Oder (1) ehrlich, (2) ehrlich, (3) ehrlich, (4) ehrlich, die vermutlich seltenste Variante. Oder … Ich sehe schon, der geneigte Hobbymathematiker errechnet gerade, wie viele Kombinationen aus vier Fragen/Aussagen mit jeweils zwei Betriebszuständen bei unveränderter Reihenfolge möglich sind. Ganz sicher genug um festzustellen, wie sinnfrei dieser Wortwechsel wirklich ist. Als finale Herausforderung gilt die Menschenkenntnis, den Wahrheitsgehalt der Fragen und Antworten so gut einzuschätzen, dass die Reaktion angemessen wahr oder eben nicht ausfällt. Trösten sollte uns bei diesem Dilemma, dass der mit guter Kinderstube gesegnete Mensch die Frage nach wie vor als nett und aufmerksam empfindet. Die Amerikaner sind hier deutlich weiter, sprich ehrlicher. Jeder weiß, dass „How are you?“ und „Fine.“ nicht mehr als Schall und Rauch sind. Wer das Konzept unwissend – also mit keineswegs inhaltsleeren Erwiderungen – missachtet, dürfte einen recht sparsamen Blick ernten. Das Leben könnte so einfach sein. Wäre nicht alles so typisch Mensch. Und Sie so? Ihnen gehts gut? Merkwürdig.